Seit Tagen fühlt sich alles an wie nach einer langen Nacht auf der Intensivstation. Nicht hektisch. Nicht laut. Sondern schwer.
Robin funktioniert. Wie immer. Sie hängt Infusionen an, kontrolliert Werte, unterschreibt Kurven, beantwortet Fragen von Pflegekräften und Angehörigen. Sie bleibt ruhig, auch wenn jemand weint. Sie bleibt sachlich, auch wenn ein Patient stirbt. Genau so, wie man es ihr beigebracht hat.
Aber unter der Oberfläche arbeitet etwas. Seit der Sache mit Niko ist dieses Gefühl zurück. Dieses bekannte, drückende Ziehen in der Brust, das sie schon einmal hatte. Damals, als sie sich am Bett von Jerome festgehalten hatte und der Monitor plötzlich flach geworden war. Damals, als ein falscher Griff beinahe ein Leben gekostet hätte.
Sie erinnert sich noch genau an Kruses Blick. Nicht wütend. Nicht laut. Nur dieser eine Satz: „Sie hatten Glück, dass ich wach war.“
Glück. Ein Wort, das in der Medizin nichts zu suchen hat. Und trotzdem alles entscheidet. Genau so fühlt es sich jetzt an. Sie hat die Standorte der Pläne weitergegeben, weil sie überzeugt war, dass es das Richtige ist. So wie sie damals überzeugt war, alles richtig zu machen, als sie nach der falschen Spritze griff.
Beides aus Verantwortung. Beides mit Konsequenzen. Und beides lässt sie nachts wach liegen.
Im Krankenhaus lernt man schnell: Man kann alles nach Protokoll machen und trotzdem jemanden verletzen. Man kann das Richtige tun und trotzdem Schuld fühlen. Diese Erkenntnis sitzt inzwischen tief in ihr. An ihrem freien Vormittag wacht sie viel zu früh auf. Nicht wegen des Weckers. Sondern wegen dieses inneren Drucks. Sie liegt einen Moment da, starrt an die Decke und denkt an Jerome. An das Piepen der Monitore. An das Chaos beim Zugunglück. An Niko in dem verdrehten Sitzgestell. An den Blick, den Kruse ihr zugeworfen hat. Und an das Rathaus.
Immer wieder stellt sie sich dieselbe Frage: Habe ich richtig gehandelt?
Im Krankenhaus gibt es für vieles Algorithmen. Für Schuld nicht. Also steht sie auf. Nicht, weil sie muss. Sondern wegen diesem Bedürfnis, etwas auszugleichen. So wie sie nach ihrem Fehler bei Jerome jede freie Minute bei ihm verbracht hat. Noch sorgfältiger gearbeitet hat. Noch aufmerksamer war als zuvor.
Auf dem Dorfplatz ist es ruhig, als sie ankommt. Die Sonne steht noch tief. Der Bäcker räumt gerade Brötchen in die Auslage. Ein paar Leute gehen mit Einkaufstaschen vorbei. Robin öffnet den Kofferraum und holt den Pavillon heraus. Die Stangen klicken ineinander. Das Gestell steht erst schief, dann gerade. Die Plane spannt sich darüber. Alles fühlt sich fast an wie im OP: Handgriffe, die man kennt. Abläufe, die Sicherheit geben. Sie stellt den Tisch auf. Legt Verbände aus. Desinfektionsmittel. Blutdruckmanschette. Kühlpacks.
Während sie arbeitet, denkt sie daran, wie sie damals nach Jeromes Reanimation jede Kleinigkeit doppelt kontrolliert hat. Wie sie nichts mehr dem Zufall überlassen wollte. Jetzt ist es ähnlich. Vielleicht kann sie Niko nicht vor den politischen Folgen schützen. Vielleicht hat ihr Verrat das Dorf nicht gerettet. Aber sie kann da sein. Für aufgeschlagene Knie. Für Schocks. Für Kreislaufprobleme. Für Menschen, die „keine Zeit“ für einen richtigen Arztbesuch haben. Und vielleicht, ganz leise, ist das auch eine Form von Wiedergutmachung. Nicht nur für das, was sie Niko angetan hat. Sondern für all die Momente, in denen Verantwortung sich falsch angefühlt hat, obwohl sie richtig war.
Robin setzt einen Post in der Dorfgruppe ab.
Sanitätszelt auf dem Dorfplatz - ab sofort geöffnet
Auf Initiative unseres Bürgermeisters Niko wurde heute auf dem Dorfplatz ein Sanitätszelt eingerichtet.
Dort werden aktuell kostenlose medizinische Untersuchungen und kleinere Behandlungen angeboten - unter anderem bei Verletzungen, Kreislaufproblemen oder allgemeinen gesundheitlichen Beschwerden.
Die Versorgung übernimmt Dr. Robin Veldmann.
Mit dieser Aktion möchte Bürgermeister Niko zeigen, dass ihm das Wohl und die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger besonders am Herzen liegen.
Das Zelt ist ab sofort geöffnet.


Heidi setzt sich Ich brauche neue Herztabletten. Und der Pilz ist auch nicht besser geworden
Frau Wolfeisen, neue Herztabletten kann ich Ihnen hier nicht einfach verschreiben. Dafür müssen Sie zu Ihrer Hausärztin oder zum Kardiologen. Ich kann aber Ihren Puls und Blutdruck jetzt messen und mir den Pilz anschauen.
Ich brauche die Tabletten aber. Heidi hat einen Blick drauf, der klar macht, dass sie nicht nachgeben wird Wollen Sie dass ich sterbe? Der Pilz ist unter der Brust
Die Herztabletten kann ich Ihnen hier heute nicht einfach neu verordnen. Dafür müssen Sie zu Ihrem Hausarzt.
Robin sieht Heidi eindringlich an. Und sieht sich dann den Pilz an. Danach dreht sie sich um. Sie schreibt auf dem Rezeptblock.
Ich verschreibe Ihnen Eine Antipilzcreme. Die müssen Sie zwei Mal täglich auftragen. Nach ein paar Tagen sollte es deutlich besser sein.
Gut. Und dann seien sie so gut hnd lassen eine amre alte dame nicht extra nach reinlingen fahren für herztabletten